Renate Gottschewski
 

Liebe Schwestern und Brüder!

die Sonne scheint und scheint und Reisen, selbst Ausflüge: unter Strafe. Gedanken sind jedoch frei. Was liegt heute näher als ein Reiseabenteuer mit den Wallfahrtspsalmen?
Psalmen sind gesungene Gebete. Psalm 120 eröffnet die Wallfahrtspsalmen, von denen es vierzehn hintereinander gibt. Sie sind wahrscheinlich im 4. Jh. v. Chr. aufgeschrieben worden. Ihr Ursprung könnte in Volksliedern zur Wallfahrt nach Jerusalem sowie in liturgischen Gesängen die Tempelstufen hinauf liegen.

Zunächst beklagt sich der Beter, eben einer wie Sie und ich, also ich beklage mich bitter über eine Welt voller Lügen und Verrat. Den Verantwortlichen für diesen Tatbestand wünsche ich sozusagen Corona in den Hals. Die Rechtfertigung dafür liegt in der selbstdiagnostizierten eigenen Schuldlosigkeit. Dann geht’s los gen Jerusalem. Da Gott Gott ist und nicht schläft, ist nicht nur der Tag, sondern ebenso die Nacht behütet.
Psalm 127 beinhaltet Weisheit über das Lebensglück. Niemand ist alleinige Frau über das Leben, das ja eine Gabe ist. Ohne Arbeiten bagatellisieren zu wollen – es ist Illusion, dass alles plan- und machbar und unter vollständiger Kontrolle sei. Ich kann mein Herz öffnen für die Wahrnehmung des Segens des guten Schöpfergottes – auch wenn die persönliche Lebenswelt dunkel ist und es entsprechend sehr schwer fällt.
Ach, da fühle ich mich mit Psalm 129 wie ein Acker, über den der Pflug gnadenlos furcht. Stechender Schmerz! Aber der liebe Gott kam, um den Strick durchzuhauen. Es geht nicht nur um die eigene Befreiung, sondern auch um Entmachtung der Täter. Gut so. Recht so.
Mit seinen Anfangsworten „de profundis“ (aus der Tiefe) führt Psalm 130 zum radikalsten Satz der Bibel hin. Deswegen hat dieser Psalm die Literatur, Musik und bildenden Kunst vielfach beschäftigt. Offenbar kommt hier eine menschliche Urerfahrung zur Sprache: das Bewusstsein über die eigenen Abgründe und Mauern. Max Frisch schreibt in seinen Tagebüchern dazu, dass niemand diese selbst gänzlich ergründen bzw. überwinden könnte.
Schluss mit der noch in Psalm 120 vorgetragenen Selbstgerechtigkeit –„Ich die Gute, du der Böse“ und der Auge um Auge, Zahn um Zahn-Mentalität in Psalm 129. Niemand ist frei von Schuld. Auf der Wallfahrt wird das Unbequemste offenbar und will trotz heftiger Lichtscheu frische Luft schnappen: Wenn Gott den Zusammenhang von Untat und Unheil nicht auflösen könnte, säßen wir Menschen in der Tinte, hätten keinen Bestand. Gott muss das Vergeben vorleben, damit Menschen es ihm gleichtun – umkehren – in Freiheit leben können.
Psalm 134 schließt die Wallfahrtspsalmen ab. Ich verabschiede mich am Vorabend des Heimwegs vom Tempel. Dabei rufe ich den diensthabenden Priestern zu, so wie diese auch zu Hause Gott zu loben und zu preisen. Und umgekehrt sagen die Priester Segenswünsche aus der Ferne zu. Und Gott waltet unauffällig im Alltag – Tag und Nacht – daheim und unterwegs. Zur Veranschaulichung dieses Psalmengesangs als Aufwärtsbewegung der nebenstehende Ausschnitt aus dem Relief von B. Allroggen OCist. „Bridge over troubled Water“ aus dem Jahr 2015.

Shalom

Ihre Renate Gottschewski