Teils schmerzlich erinnern wir uns alle noch an die letzte Strukturreform 2008 bei der durch bischöflichen Beschluss 11 ehemalige Pfarreien im Bochumer Süden zur Groß-Pfarrei St. Franziskus Bochum zusammengeführt wurden. Und wo stehen wir heute?

Von Christian Herker, Mitglied des Gemeinderates St. Franziskus.
Der Artikel erschien im Pentaeuch, Ausgabe Ostern 2015.

Kürzlich trafen sich die Mitglieder der Pastoralkonferenz, des Kirchenvorstandes, des Pfarrgemeinderates sowie der Gemeinderäte der fünf Gemeinde zur sogenannten Pfarreikonferenz mit Vertretern der Bistumsleitung. Der Grund war die Fortschreibung der Strukturreform bis zum Jahr 2030. Anders als vor sieben Jahren sollen nun die Gremien der Pfarrei in einem geordneten Prozess dem Bischof einen verbindlichen Vorschlag für die Zukunft ihrer Pfarrei vorlegen. Diesen Prozess bilden drei Stufen: 1. Sehen, 2. Urteilen, 3. Handeln. Dies bedeutet auf der einen Seite mehr Demokratie und Einbeziehung der Gläubigen in die Entscheidung des Bischofs, jedoch auch auf der anderen Seite mehr Verantwortung für jeden einzelnen Vertreter seiner Gemeinde.

Stichwort: Pfarreientwicklungsprozess

Damit auch morgen Glaube lebendig gelebt werden kann, braucht es immer wieder Veränderung: Wandlung steht im Zentrum unseres Glaubens.

Dazu gehört auch, mit sich verändernden äußeren Realitäten umzugehen und die vorhandenen finanziellen Ressourcen gezielt in der Pastoral einzusetzen, damit wir als Kirche auch in Zukunft noch Menschen mit Gott in Berührung bringen.

So müssen die Pfarreien künftig mit viel weniger finanziellen Mitteln auskommen:

Um dem Anspruch ausgeglichener Haushalte gerecht zu werden, bedarf es bis 2020 einer Kostenreduktion von ca. 30 %, bis 2030 um ca. 45 % gegenüber 2015.

Wie kommt das?

Ein Beispiel: Wenn die Energiekosten in den kommenden 15 Jahren um je 3 % steigen, bedeutet das für die Pfarrei eine Steigerung von 180.000 auf 280.000 Euro jährlichen Kosten im Gesamt ihrer Immobilien. Und versuchen Sie mal, eine Kirche energetisch zu sanieren...

Teilweiser „Investitionsstau“ bei den Immobilien wirkt sich ebenfalls problematisch aus.

Aber die Kirchensteuereinnahmen sind doch hoch wie nie?!

Ja, aber perspektivisch sieht es da nicht so rosig aus: Bis 2030 wird unser Bistum noch mal ca. 200.000 (von ehem. 1,5 Millionen und derzeit knapp 850.000) Katholiken verlieren.

Und der wachsende Altersdurchschnitt senkt noch mal den Prozentsatz der Christen, die überhaupt Kirchensteuer zahlen.

Daher geht das Bistum in seinen Berechnungen davon aus, bestenfalls gleichbleibende Schlüsselzuweisungen leisten zu können.

Was ist zu tun?

Alle Pfarreien sind aufgerufen, bis Ende 2017 ein Votum abzugeben, wie sie den Weg in eine lebendige Zukunft mit den geringeren Ressourcen gehen wollen: Welche Prioritäten setzen wir, was müssen wir aufgeben, wovon uns trennen, wo auch Neues wagen und was wollen wir sichern?

Welche Schritte stehen an?

Nachdem Ende Mai die pfarrlichen Gremien detailliert über die Prognosen und den Entwicklungsbedarf und -plan des Bistums informiert wurden, werden noch vor den Sommerferien Vertreterinnen und Vertreter benannt, die eine Koordinierungsgruppe bilden.

Diese beauftragt verschiedene Arbeitsgruppen (z.B. „Stadtteile/Sozialräume/Lebenssituationen“, „Zahlen/Daten/wirts. Fakten“ oder „Kommunikation“) und gestaltet die Prozessschritte, die zu einer pastoralen Konzeption und letztlich zu einem gemeinsamen Votum von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand führen, das dem Bischof zur Entscheidung vorgelegt wird.

Mitarbeit erwünscht!

Haben Sie Interesse hieran mitzuarbeiten? Für weitere Informationen können Sie sich an die Gemeindebüros, die Verwaltung, den Pfarrer, oder die pastoralen Mitarbeiter werden. Oder direkt an das Pfarrbüro: 0234 431172.

Kirche bedeutet für den gläubigen Menschen Heimat!

Josef Ratzinger/Papst Benedikt XVI. bezog sich in seinen ekklesiologischen Schriften auf ein frühes Werk des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus aus dem Jahr 1937. Das Fazit des emeritierten deutschen Papstes lautet: „Wo Kirche ist, wo eucharistische Präsenz des Herrn ist, erlebt er Heimat.“ Wo die heilige Eucharistie gefeiert wird – also an das Tun Jesu beim letzten Abendmahl erinnert wird – da sollte der christgläubige Mensch zutiefst Heimat finden.

Das Herzstück der Theologie Ratzingers ist die eucharistische Ekklesiologie. Darin bekennt der ehemalige Pontifex: „...eine Kirche, die allzu viel von sich selbst reden macht, redet nicht von dem, von dem sie reden soll.“ In der Feier der Eucharistie sollen alle Menschen mit Gott und untereinander in „Communio“ treten. Dies ist der einzig wahre Dienst der Kirche.

Heute könnten wir ketzerisch die Frage stellen, was würde den Menschen in unseren Stadtteilen fehlen, wenn es unsere Kirchen nicht geben würde?

Wir befinden uns immer mehr als praktizierende Christen in Deutschland und so auch im Bistum Essen in einer Minderheit in einem teils komplett säkularen Umfeld.

Kirche bedeutet für viele Menschen auch heute noch Heimat. Sind uns doch unsere Kirchen mit ihren individuellen Geschichten und der Mahlgemeinschaft Sonntag für Sonntag sehr an Herz gewachsen. Jedoch bringen schwindende Gottesdiensbesucherzahlen, geringer werdendes pastorales Personal und letztlich auch immer geringer werdende finanzielle Mittel unsere Kirche zwingend in einen Prozess der Wandlung, gerade in Europa. Gegenteiliges erleben wir in der Weltkirche z.B. in Vietnam: Dort erleben wir eine boomende Kirche. Die Strukturen der Kirche sind allerdings noch schwach. Hinzu kommt die große Armut der Menschen, die es unmöglich macht, die Kirchen aus eigenen Kräften wieder aufzubauen und die Pfarrer und Schwestern zu unterhalten. Also eine genau gegenteilige Entwicklung zu unseren kirchlichen Problemen auch und gerade in unserem Bistum. Beides führt gleichwohl zu Problemen und Prozessen der Veränderung.

Unser Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck schreibt bezogen auf unsere Situation im Bistum Essen in seinem Hirtenwort zum 1. Januar 2015 passend: „Denn was nützen uns Gebäude und Strukturen, wenn kein Mensch mehr nach Gott fragt. Was nutzt eine Kirche, wenn es keine Menschen gibt, die den christlichen Glauben für sich entdecken und leben?“

Eines macht unser Bischof mit diesen Ausführen zu recht mehr wie deutlich: Kirche ist kein Selbstzweck. Die Kirche sollte der Verkündigung der frohen Botschaft und des Evangeliums dienen. Kirche ist immer auf dem Weg hin zur „Quelle alles Guten“ - zum dreifaltigen Gott. Daher lebt die Kirche aus ständigen Veränderungsprozessen. Kirche muss immer wieder neu überlegen, wie sie Menschen heute pastoral und seelsorglich erreicht und das Evangelium in einem immer säkularer werdenden Umfeld glaubhaft und konsequent verkündet. Kirche hat sich seit über 2.000 Jahren immer wieder verändert. Bei allen Veränderungsprozessen sollte für uns der Mensch stets im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Der Auftrag der Kirche besteht darin, Menschen in Berührung zu bringen mit Gott. Wenn Kirche die Menschen nicht mehr erreicht und sich nicht mehr auf Christus und sein Evangelium besinnt, dann hat sie ganz klar ihren Auftrag verfehlt. Daher muss sich jeder einzelne von uns fragen, wo er persönlich Zeugnis ablegt für Christus in dieser Welt.

Zur Kirche zu gehören ist also kein Hobby, sondern ein klares Bekenntnis.

„Ich gehöre zu Christus!“. Christus hat mich – wie es der Prophet Jesaja es sagt – „bei meinem Namen gerufen: 'Mein bist Du.'“. In Zeiten des immer größeren Bedürfnisses nach Wahlfreiheit ist ein klares Bekenntnis in der heutigen Zeit wohl für viele Menschen nicht mehr zeitgemäß. Ein Christ sollte hier einen klaren Gegenpol zur gesellschaftlichen Entwicklung setzen. Christ sein bedeutet keine Beliebigkeit. „Fides et Ratio“ („Glaube und Vernuft“) sind heute die beiden Spannungsfelder, zwischen denen wir uns als Kirche bewegen. Es gilt, Antworten aus unserem Glauben heraus für die Fragestellungen der heutigen Zeit zu geben. Das heißt nicht, dass der Christ unfrei lebt. Vielmehr leben wir Christen unsere Freiheit aus einem klaren Wertefundament heraus.

Priesterberufungen stellen in vielen deutschen Diözesen fast nur noch eine Ausnahme dar. Daher kann die hohe Anzahl durch Emeritierungen von Priestern pro Jahr nicht durch Neupriester ersetzt werden. Jedoch bittet jede vakante  Gemeinde den Bischof stets um einen neuen Priester als Vorsteher ihrer Gemeinde. Wo beten wir aber noch in unseren Gemeinden aktiv für Priester- und Ordensberufungen? Gute Priester fallen nicht vom Himmel, sondern bedürfen unserem stetigen Gebet in den Gemeinden.

Kirche wird in Zukunft mehr und mehr vom Allgemeinen Priestertum leben.

Diese Sendung hat jeder Katholik durch Taufe und Firmung in sich eingepflanzt bekommen. Durch die Firmung sind wir sogar besiegelt worden mit der „Gabe Gottes – dem Heiligen Geist“. Kirche lebt zukünftig mehr denn je von dem Engagement jedes Einzelnen. Daher muss sich jeder die Frage gefallen lassen: Was bin ich bereit für meine Kirche einzubringen? Kirche ist somit kein Dienstleistungsbetrieb mehr. So wurde vielleicht die Kirche in der Vergangenheit einmal von vielen Gläubigen wahrgenommen.

Dieser umschriebene Umstand zeigt, dass wir in Zukunft auch keine „Volkskirche“ mehr sein werden.

Wir werden eine kleinere Kirche werden. Wir werden nicht mehr in der Fläche vertrete sein. Unsere Kirche wird von den Menschen leben, die sich und andere anstecken können vom Geist des Evangeliums. Jeder Gläubige in unserer Pfarrei ist herzlich dazu eingeladen, seine Kirche von Morgen mitzugestalten und sich in den von unserem Bischof angestoßen Pfarreientwicklungsprozess einzubringen. Woraus leben Sie Ihr Christsein? Was ist Ihnen in ihrer Kirche besonders wichtig? Wo sehen Sie pastorale Handlungsfelder? Diese Situation sollte uns nicht in eine „Depression“ verfallen lassen. Wir sollten die anstehenden Veränderungen aus der Freude am Glauben und unserer christlichen Gesinnung gestalten. Denn nur, wenn wir selber dabei Freude ausstrahlen, stecken wir auch andere an mit dem „Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“ und leisten so einen Beitrag zur Neuevangelisierung Deutschlands und Europas!

Die bekannte Schriftstelle aus dem Lukas-Evangelium berichtet von den beiden Jüngern, denen Jesus auf ihrem Weg nach Emmaus begegnete. Sie „waren wie von Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten“. Als sie in Emmaus angekommen waren, tat Jesus so, als wolle er weitergehen. Sie forderten ihn jedoch auf: „Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt.“ Und so blieb Jesus bei ihnen. „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“

Ich wünsche uns allen jedenfalls Gottes Segen und die Stärkung durch die sieben Gnadengaben des Heiligen Geistes auf unserem ganz persönlichen Weg nach Emmaus als Pfarrfamilie von St. Franziskus, damit auch wir ihn, Jesus Christus, immer wieder neu erkennen, unsere Herzen brennen und wir so auch in Zukunft lebendige Kirche sind!